Alles Leben ist Prozess. Hegel verallgemeinert den Begriff sogar so weit, dass er ihn mit „Bewegung“ schlechthin identifiziert. Es gibt keinen anderen als einen lebendigen Prozess. Der Prozess bedingt die Bewegung. Die Bewegung ist ein Vorgang, welcher Entwicklung in sich trägt. Alle Entwicklung ist prozesshaft. Insofern ist dieser Begriff nichts anderes als die Beschreibung einer in der Zeitlinie verlaufenden Bewegung, welche sich auf ein unbestimmtes Ziel hin bewegt.
Was wir als Zwischenschritte darin erkennen sind Teilprozesse einer grossen Bewegung. Sie sind zwar tendenziell planbar, aber nicht in sich abgeschlossen und definitiv. Selbst die einfachsten Prozesse entwickeln sich nicht nach den Gesetzen unserer Vorstellung, sondern nach den Gesetzen des Lebens. Und solche Gesetze kann man erforschen und ihnen Eigenschaften abgewinnen, die sich als hilfreich erweisen im Durchschreiten von anderen Prozessen. Dabei spielt es keine Rolle, wo sie auftreten, ob im wirtschaftlichen Leben, im sozialen Leben, im kulturellen Leben oder eben auch in der Kunst.
Das Hindurchfluten von Emotionen und Vorstellungen, welche uns im Laufe eines Lebens betreffen und bewegen, kann in immer wieder ähnlichen Schritten wahrgenommen werden. Dies ist erst durch die seelische Selbstbeobachtung erfahrbar. Wenn wir die Fähigkeit dazu nicht entwickeln, versinken wir in der Identifikation mit diesen Emotionen und Vorstellungen. Wir nehmen den Prozess nicht mehr wahr und sind damit Sklaven seines Verlaufes. Das “Gebilde” welches dann entsteht, ist ein Phantomkörper unserer wahren Identität. Es ist gewissenmassen ein “Abfallprodukt” des seelischen Reifeprozesses. Da wir aber nicht das Abfallprodukt sind, sondern dessen Produzent, müssen wir lernen, diese Prozesse zu durchdringen und zu verstehen. Erst dann erleben und erkennen wir das Bewusstsein unseres höheren Selbst oder Ich. In diesem Bewusstsein sind wir selbst Leben.
Wenn wir aber lernen, den so gebildeten Identifikationsstrom gewahr zu werden und ihn achtsam zu mitzuverfolgen, können wir die Abstufungen dieses Prozesses erforschen. Die grosse Grundbewegung, welche alle diese Prozesse durchzieht, wurde bereits in den Dreissigerjahren von Kurt Lewin entdeckt. Sie beinhaltet die drei Grundelemente von Unfreezing, Transition und Refreezing. Was in diesen drei Grundelementen dargestellt wird sind Hauptelemente eines Gesamtprozesses. Solche Entwicklungsgänge haben keine zeitliche Einschränkung. Sie sind sowohl in kurzwelligen, als auch in langwelligen Geschehnissen auszumachen. Es sind dies Grundbegriffe des Change-Management geworden.
In einem Diagramm dargestellt, sieht das so aus:

Wir können betrachten, was wir wollen: Ein Kunstwerk, einen wirtschaftlichen Prozess, soziale Prozesse, persönliche Entwicklungsprozesse, Krankheitsprozesse, Todesprozesse usw. usf., immer wird unser derselbe Verlauf als Grundstruktur entgegenkommen. Deutlich erkennbar sind die drei Phasen:
1. Stagnationsphase
2. Widerstands- oder Rückbildungsphase
3. Impuls- und Umsetzungsphase
Im weiteren versuche ich die von Lewin erkannten Grundprozesse etwas differenzierter weiterzuverfolgen und sie für die künstlerische Arbeit anwendbar zu machen. (siehe auch die Skizze unten)
Das Unfreezing, das Auftauen ist ein erster Teil des Prozessablaufes. Hier können folgende Wahrnehmungen gemacht werden. Etwas bewegt sich nicht mehr weiter, es stagniert, erlahmt. Die Abläufe sind automatisiert worden, die Entwicklungslinie verharrt im Stillstand. Man fühlt sich stumpf! (Stufe1)
In einem zweiten Schritt entseht so etwas, wie ein Schmerz (Stufe 2). Die Unzufriedenheit über die Stagnation macht sich bemerkbar. Man spürt die Erstarrung und die Kälte im Herzen. Man weiß, es kommt etwas auf uns zu. Es ist aber nicht benennbar und nicht verifizierbar. Der Bewusstseinszustand ist unbewusst bis träumend. Es wird uns “mulmig”. Dieses Anbahnen von einer Ungewissheit durchsetzt uns mit Unbehagen. Es kann ein Druck von aussen spürbar werden: das kann der sich anbahnende Tod sein oder es können innere Umwälzungsprozesse sein, welche sich so bemerkbar machen.
Was sich zuerst als Unzufriedenheit bemerkbar gemacht hat, wird nun zu einer Widerstandskraft, einem Widerstand (Stufe 3). Die Angst durchsetzt uns und erweckt Abwehr. Wir suchen das Gewohnte, Bewährte und Alte wieder und wollen nicht nach Vorne blicken. Im weiteren bemerken wir aber, dass sich etwas anbahnt und wir spüren eine kommende Auseinandersetzung. Dieser Prozessteil ist oft sehr schmerzvoll, weil wir gleichzeitig in unserem Bewusstsein erwachen, je näher sich die Welle auf uns zu bewegt, andererseits aber noch nicht zum inneren Ja gekommen sind.
Nun tritt etwas entscheidendes ein, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Wir müssen uns entscheiden, das heißt, wir müssen Farbe bekennen. Grundsätzlich tun wir dies nach drei verschiedenen Szenarien. Es tritt eine 4. Stufe an uns heran, die ich mit Akzeptanzphase bezeichnen könnte und welche wiederum in drei kleinere Unterprozesse gegliedert ist:
Das erste ist die Bejahung, das Zweite die Verneinung und das dritte Szenarium ist die Ignoranz. Bei der letzteren schalten wir alle Bewusstseinsprozesse solange dies geht, wieder herab und verdrängen sowohl Gefühle, wie auch Gedanken im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Wandel. Dies führt uns in die Isolation und es führt letztlich in eine noch grössere Drucksituation, welche die Ent-Scheidung von neuem fordert.
Das erste Szenario erkennt und anerkennt den Wandlungsimpuls und entscheidet sich, hindurch zu gehen, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Klarheit über einen möglichen Verlauf vorhanden ist. Und das Verneinungsszenario erkennt ebenso die Notwendigkeit eines Verwandlungsprozesses, entscheidet sich aber vollbewusst und willentlich, auszuscheiden, auszuscheren oder umzusteigen, etwas anderes zu probieren.
Der eigentliche Prozess wird aber nur im Bejahungsfall weitergeführt. Wenn wir willentlich aussteigen, dann haben wir zwar einen Neuanfang inmitten von anderen Verhältnissen geschaffen, haben aber das tieferliegende eigentliche Problem noch nicht gelöst. Auch solche Brüche können den Prozess weiterführen. Sie werden aber an einem anderen Ort und in einer anderen Weise wieder zum selben Punkt führen müssen.
So können wir letzlich als 5. Sufe die Bejahung nennen. Sie macht neue Kräfte frei! Sie bringt innere Impulse und Ideen. Eine neue Dynamik entsteht, welche den Prozess wieder beflügelt und weiterführt. Der Aufwärtsschwung wird in Gang gesetzt. Das ist der Zustand des Erwacht seins. Es entsteht soetwas wie ein Zwischenhoch aus diesem neuen Gefühl des inneren JA.
In der 6. Stufe des Durchlaufes entstehen aus dem herzhaften impuls neue Ideen. Sie „flattern“ auf uns zu und entdecken die Vielfalt der neuen Möglichkeiten. Erst jetzt entsteht wieder ein kleines Vakuum, welches es zu durchschreiten gilt Die Vielfalt kann uns erschlagen. Sie ist strukturlos und ohne Form. Es entsteht so etwas, wie eine kleine Minikrise, welche die Eingliederung der Ideen in die realen Verhältnisse signalisiert.
Somit stehen wir bereits mitten in der 8. Phase, der Umsetzungsphase drin. Was jetzt ansteht ist Knochenarbeit, ein Prozess des Zentrierens und Kernbildens. Das kann vorallem in den Gruppenprozessen wiederum schwierige Probleme verursachen. Das Wesentliche will erarbeitet sein um die Kernfragen auszureifen. Hier ist Teamarbeit ein sehr wichtiges Thema.
Im 9. Schritt, welcher nun ansteht, geht es um die Konsolidierung. Das Erarbeitete muss integriert und eingeordent werden, die Abläufe werden wieder normalisiert und eingegliedert. Aus dieser Phase heraus entsteht als letzter und 10. Schritt wieder eine erneute Stabilisierung.
Solche Prozesse, wie ich sie hier in den 10 Phasen zu beschreiben versuchte, laufen wellenförmig durch das ganze Leben. Sie hören nie auf. Auch die erneute Stabilisierung wird wieder hinübergleiten in die Stagnation und wird letztlich wieder von Neuem eine nächste Welle auslösen. Hierbei entstehen aber insgesamt immer Aufwärtsbewegungen. Wir hangeln uns durch die Wellen hindurch immer mehr in die Höhe, weil wir durch sie immer mehr Bewusstsein schaffen und uns entwickeln. So entsteht hier eine bewusstseinsfördernde Dynamik. Dasselbe tritt nun auch im Durchschreiten von bildenden Formprozessen wieder auf, welche z.B. mit dem Medium Ton in hervorragender Art und Weise simuliert und sichtbar gemacht werden können. Dazu aber später mehr! Besuchen Sie auch die Wirkstatt Basel.
